Montag, 30. Dezember 2019

MonsterMensch

Der Mensch ist ein Monster. 
Egoismus lässt ihn physisch und verbal Leid zufügen.
Wie mit kleinen Nadelstichen, oder einer Orgie an Faustschlägen, 
kann er mit Sprache unendlich Schmerzen auslösen.
Der Mensch ist aber immer mehr als nur ein Monster.
Das macht den Umgang mit diesem Wesen unendlich undurchschaubar.
Mal liebt er, mal hasst er. Mal akzeptiert er, mal grenzt er aus.
Das Monster ist nur eine von vielen Verkleidungen.
„Ich bin einfach ich“ ist die größte existierende Lüge. 
Denn wann ist der Mensch einfach Mensch?
Es gibt wenige Menschen, von denen wir ausgehen, dass sie uns so akzeptieren, wie wir sind. 
Ansonsten tragen wir Masken, verstecken uns in Schichten von Emotion, Mimik und angepasster Sprache. 
Der Mensch kann Monster sein und weiß das oft selbst nicht.
Monster gibt es nicht, als Monster kann man erscheinen.
Der Mensch ist das was er sein will
und das wozu er gemacht wird.

Sonntag, 14. April 2019

Sturm des Lebens

Graue Farben liegen, fliegend über Wälder, auf der Welt.
Die Sonne gar finster ist versteckt hinter Wolken,
du weißt sie ist da, doch es ist kalt um dich, so kalt.
Dabei wandelst auf Erden, gen Ziel deines Lebens, 
gehst Schritt für Schritt, bedächtig und doch so leis.
Die Wolken sind dort, doch Wind er treibt sie hinfort,
sie formen das Meer des unendlich Himmels im Rausch.
So füll deine Backen und blas in des Schnitters Gesicht.
Denn heute erblüht die Blume, das Glück deiner Schritte,
wiegt mehr als die Angst um das Ende des Sturms.
Die Menschen, die mit uns gegangen, gelacht,
sie lenken die Wolken, drum denke an sie, voll Freud.
Hab sie immer im Herzen und die Sonne wird scheinen.


Dienstag, 6. März 2018

Katzentango

In einer lauen Winternacht,
längst war es schon nach halbacht.
Da liefen zwei Katzen ganz leise,
mit ihren Tatzen immer im Kreise.
In ihrer Mitte ne Maus ängstlich lag,
sie dacht sich: überleb ich den nächsten Tag?

Die Katzen hatten gehört von einer Mörder Maus
und ihre Haare streckten sich deshalb vor Graus.

Lang geht es jetzt sicher nimmer,
verloren waren alle Mäusehoffnungsschimmer.
Um ihre Mäusenase waren viele bunte Angstflecken,
als sie vor lauter Müdigkeit alle Viere musste strecken.

Dies nahmen die Katzen wahr vor Schreck
und flohen hastig in den Schneematschdreck.
Die Maus nun wieder alleine war
und ihr war das so gar nicht klar.

Lerne die anderen am besten persönlich kennen,
bevor du beginnst bei ihrem Anblick zu flennen.

Samstag, 4. November 2017

Das Paprikaschwein

Es war einmal eine Sau, die hatte 5 kleine Ferkel. 4 waren einfach nur normale  Ferkel und als brave Ferkel aßen sie natürlich alles, was der Bauer ihnen gab: verschrammte Äpfel, harte Brötchen und am aller, aller liebsten hatten sie den leicht gammligen Salat, schön braun und maaaatschig: „Jami, Schmatz, Schmatz!!“. Und wenn sie fertig mit ihrem Essen waren grunzten sie einmal laut, torkelten mit ihren vollen Bäuchen zurück zum Schlamm und waren wieder zufrieden. Am liebsten würden sie den ganzen Tag dort in der Kuhle verbringen... aber dann müssten sie auf ihr Lieblingsessen verzichten und naja... das ging nun mal so gar nicht!!

Das fünfte Schwein war aber ganz anders. Es verabscheute den Schlamm!! Der war einfach nur eklig... und bevorzugte ein gutes Bad im nahegelegenen See. Es roch immer so frisch, dass seine Brüder und Schwestern ihre Nasen rümpften, wenn sie ihn von weitem sahen (nicht rochen). 

Doch noch viel schlimmer war die Angewohnheit des kleinen Schweins, die angeschrammten Äpfel immer links liegen zu lassen, auch den glibbrigen Salat fand es einfach nur zum davonlaufen. Denn seit es einmal eine Paprika vom Gemüsefeld des Bauern stibitzt hatte konnte es von diesen Paprikas nicht mehr genug bekommen. Vor allem die gelben, aber auch die grünen und manchmal auch die roten!! Einfach nur lecker!! Es war aber sehr schwer diese auch frisch zu bekommen, sie immer nur zu stibitzen war natürlich ein zu großes Risiko... denn lange Finger lohnen sich nie und die Frau vom Bauern hatte immer ein Auge auf ihr Gemüsefeld!! Das Schweinchen hatte vermutlich sehr viel Schweingehabt, dass es beim ersten mal schon nicht erwischt worden war...  Das Glück wollte es nicht noch einmal herausfordern. 

Und so hoffte es jeden Tag aufs neue, dass der Bauer nicht nur Äpfel und Salat auf ihrer Speisekarte stehen hatte, sondern auch möglichst frische Paprika. Und was soll ich sagen? Die Glückssträhne wollte nicht abbrechen!! Jeden Tag gab es aufs Neue feine Paprika und das Ferkel fraß sie in sich hinein, bis der Bauch anfing zu spannen, dann machte es ein Verdauungsnickerchen und schwamm danach im Wasser, es wollte schließlich nicht fett werden!! So war das fünfte Schwein also fit und froh... es hatte an keiner Stelle zu viel Bauch... Doch eines war merkwürdig... Die rosa Haut hatte überall gar merkwürdige Flecken!! Rote, grüne und gelbe Flecken... 

Schnell war klar: die Paprika waren schuld!! Es war kein gewöhnliches Schwein mehr, nein, es war ein Paprikaschwein!! Die arme Sau wurde von den anderen nur noch aufgezogen... Es wurde sehr, sehr traurig.. Es hatte sich nie etwas aus den anderen gemacht und fühlte sich bis dahin auch nie einsam... Doch die anderen Schweine wussten, wie sie das armen Paprikaschwein ärgern konnten... sie lachten es aus und machten böse Reime (die hier nicht erzählt werden sollten!). 

Irgendwann fiel dem Bauern  auf, dass dieses Schwein kein gewöhnliches Schwein war... er fand das Paprikaschwein richtig toll!! Von überall her lud er Zeitungsreporter ein, das Schwein kam sogar im Fernsehen und wurde sehr schnell weltbekannt. 

Und die Brüder und Schwestern unseres Schweins staunten nicht schlecht, als sie eines Tages auch nur noch Paprikas vor die Schnauze bekamen... und bald auch überall von diesen bunten Punkten übersät waren!! Jetzt hatten sie nichts mehr zu lachen!! 

Und so, mein lieber Zuhörer entsteht die so beliebte Paprikawurst. Das ist ja total logisch, wie soll sonst die Paprikas in die Wurstscheiben kommen? Die kann ja unmöglich jemand per Hand reinmachen... da wäre er ja bis zu Sanktnimmerleinstag beschäftigt... 

Unser fünftes Schwein lebt übrigens immer noch glückselig beim Bauern, denn es war einfach etwas besonderes und der Bauer hatte es einfach liebgewonnen!!


Dienstag, 22. August 2017

Grau zu Bunt

Stell dir vor der kleine Manne,

trägt den Anzug grau in schwarz.

Läuft den Weg, den Immergleichen,

Schritt für Schritt zur Arbeit hin.

Dort wo er das immer Selbe,

immer immer wieder tut.

Auf der Straße bei den Leuten,

wuseln wie die Ameisen,

tritt er unsanft in ein Loch.

Und der kleine Mann ganz leise,

fällt und nicht mehr weiter kann.

Alle Welt ihn liegen lässt

ein Schicksal von Vergesslichkeit.

Bis, ja bis die Kinderhand

seine nimmt und kräftig zieht.

Als er in die Augen blickt,

ehrlich, freundlich und lebendig,

wird sein Herz, das ach so graue,

bunt und er versteht.

Untot

Als der Sturm das Meer liebkoste

und das Boot in Seenot kam.

Da saßt du im trocknen Hause,

laßt die Zeitung und du pfiffst.

Doch, im tiefsten Innersten,

kalte Stille, graue Leere.

Wärst du doch an Bord gewesen,

hättest es am Leib gespürt.

Wie es ist zu leben, fürchten.

Einmal richtig, im Moment, 

einfach 

sein.

Montag, 8. Mai 2017

Masken

Der Mond hat immer sein böses Lächeln aufgesetzt, 
ist dir das schon mal aufgefallen? 
Egal ob es dir gut oder schlecht geht, ihm ist das egal. 
Er meint er könne von dort oben alles sehen und auch verstehen. 
Doch hat der Mond keine Ohren 
und kann nicht hören was die Menschen sagen, 
er hat keine Hände und kann sie nicht trösten. 
Er hat auch kein Herz und kann nicht fühlen. 
Doch trotzdem meint er uns zu kennen 
und uns mit diesem Lachen strafen zu müssen. 
Ich ignoriere ihn, seit dem ich verstanden habe, 
dass er nur ein kalter Stein ist. 
Mehr Schein als Sein. 
Masken in der Masse.

Wolkenschwere

Tief ist die Nacht, schwer liegt der Himmel
voll Wolken, die krächzen das Lied 
der tausend Sternlein, die sie verhüllen.
Jahrtausend alte Klumpen Staub, 
erhellen Nacht für Nacht dein Gesicht, 
lassen Falten strahlen und von Erfahrung labern.
Doch du weißt wer du bist, brauchst keine Spiegel
an der Wand nur Bilder, von denen die du liebst. 
Doch heute nur Wolken und du siehst nichts. 
Es gibt Tage, da weinst du
und auch diese Tage brauchst du. 
Es spült die Sorgen weg.
Und dann lachst du wieder, denn die Sterne, 
sie leuchten für dich und weisen einen Weg,
durch tiefe wolkenschwere Nacht.

Montag, 10. April 2017

Schlagzeilen

"Hör mal, wieder ein Mord: Frau brutal hinterrücks erdolcht. Wie schrecklich!"
Gerd schaut von seinem Bierglas auf. "Lass mich raten, ein Ali oder wie die alle heißen. Hat sein Gott ihm gesagt, dass er das machen sollte? Ist doch immer das selbe, da hat die Frau keinen Wert oder höchstens den dreier Schleppkamele. Ich könnte ausrasten!"
"Ja, die sind doch alle so!", Edeltraut blättert die Zeitung um. "Wir lassen Sie hier leben und sie halten sich nicht an die einfachsten Gesetze unseres Herrn. Du sollst nicht töten, sollte doch völlig normal sein."
Mit einem lauten Rülpser stimmt Gerd ihr zu. 
Im Hintergrund läuft das Radio, in dem der Sprecher erst über die politische Lage und Ausschreitungen fachsimpelt und sich dann laut räuspert: 
"Jena. Hans  M. erschlägt im Bierrausch seine Frau. Hans M. hatte wohl 2,8 Promille im Blut, als seine Frau von einem gemütlichen Abend mit Freundinnen nach Hause kommt. Ihr Mann ging wohl von einem Seitensprung aus, dies erklärte er im späteren Verlauf der Polizei. Seine Verteidigung baut auf den extrem erhöhten Alkohlblutwert. Im Moment sind wir von der bloßen Aggression und hinterrücksen Tat mehr als schockiert." 
Das Radio läuft leise, weder Gerd noch Edeltraut hören es. Erst als Helene Fischers neuster Hit durch die Boxen schallt, dreht Edeltraut auf.
"Hol mir mal nochn Bier.", Gerd klopft gemütlich auf seinen Bauch und Edeltraut läuft. Wie immer. 

Donnerstag, 16. März 2017

Zeit

Die Ampel ewig lange roter Farbe, 
wartend mit den Füßen tappen.
Endlich springt die Farbenfolge
und du vergisst die Wartezeit.
Zeit ist ein Konstrukt des Kopfes.
Gefühl das uns den Takt vorgibt.
Doch bist du einfach glücklich,
dann lohnt sich jeder Augenblick.

Mittwoch, 15. März 2017

Grauenhaft

Als der Morgen graute, graute es dem grauen Grafen.
Ergraut war er nicht über Nacht, doch schien es wie ein Wimpernschlag.
Ergraut war nicht nur das holde Haupte, du siehst in ihm was gestern war.
Der Graf mit seinen tristen Träumen, die mächtig sind und doch so alt.
Er sagt das Bunte macht ihm Angst, verschließt die Türe wegen denen.
Die Riegel liegen fest im Schlosse, schiere Sicherheit, doch seine Furcht das wahre Monster, 
ist schon längst in ihm gastiert. Hat sich längst durch ihn gefressen, schreit so laut, er hört 
sonst nichts.
Fremde Meinung, sei ihm wichtig, doch hört er diese einfach nicht. Zu laut das Kreischen
Und das Toben, in dem ach so grauen Haupt. Die Sorge um den Schlüssel riesengroß, 
vor der Welt, zum greifen nahe,  die draußen liegt.
Würd er doch nur, einen Spalt, die Türe öffnen. Könnte riechen, schmecken, sehen diese Welt.
Wer weiß, vielleicht würde das Monster, weichen und ihn hören lassen.
Doch so lebt der graue Graf im Schlösslein Grau in Grauenhaft.

Montag, 23. Januar 2017

Das Leid des Lieds des Alltäglichen - oder wie ich aus einer Mücke einen Elefanten machen kann obwohl Elefanten viel lieber Mücken wären und umgekehrt


Die Sonne ging auf. Tiefer Schmerz liegt auf seinem Herzen. Zeigt ihm, wie es ist, wenn sich eine kalte Hand um den wichtigsten Muskel in seinem Körper legt.
Erst gestern dachte er, dass dieses Gefühl nie wiederkommen würde. Doch da war das Leben erbarmungslos.
Was hat er denn, würdet ihr fragen. Kann man da nichts machen, würdet ihr verzweifelt in die Tasten hämmern und die Suchmaschine zu hunderttausend Ergebnissen zwingen, nur um zu sehen, dass ihr da nichts machen könnt.
Sein Lieblingspudding war im Kühlschrank abgelaufen. Schweren Herzens riss er trotzdem die Alufolie des Bechers weg, fuhr langsam mit dem Löffel in die vanillefarbene Masse.
Gestern hatte er es überlebt, als er das heruntergefallene Stück Schokolade gegessen hatte. Heute würde er den abgelaufenen Pudding überleben. Er lacht der Gefahr ins Gesicht... Jeden Tag lauern Gefahren auf uns. Wir können klein beigeben. Oder einfach damit leben.
Die Sonne geht unter, nur um wieder aufzugehen und uns neue Abenteuer zu bringen.


Samstag, 19. November 2016

Ode an den Sandwichmaker


Gepriesen seist du 
oh Sandwichmaker,
Der du teiltest den Toast 
in gerechte Stücke, 
Der du wärmtest ihn 
und schmolzest den Käse.
Verzeihe mir den Kauf des Strahlenkastens,
Du bist das Größte!
So stille meinen Hunger.

Toast.

Donnerstag, 17. November 2016

Fallen

Er lag da, der Tag war lang gewesen und das Sofa sein willkommener Rettungsanker für einen schrecklichen Tag, eine bescheuerte Woche. Der Teppich lag eng um ihn herum, verbrannte ihn wohlig. Alles um ihn herum war ruhig, seine schweren Augen klappten immer wieder zu und der Kopf nickte rhythmisch. Noch hielt der Kampf an, es war aber eher eine Schlacht. Warum sollte er nicht aufgeben? Darum. Warum sollte er nicht etwas anderes machen? Darum. Er lag also da, schwitzte vor sich hin, sinnierte über die Sinnlosigkeit seines Daseins. Da sein. Dort sein. Nicht sein. Und plötzlich wurde die Stille unterbrochen. Seine Ohren waren auf Alarmbereitschaft, als er aufblickte sah er das Schaf. Es muhte. Er war verwirrt. Offensichtlich. Es ginge wohl jedem so. Da liegst du da, hast einen Tag hinter dir, den du als sinnlos betiteln würdest und plötzlich muht vor dir ein Schaf. Er rannte los, wollte das Schaf betatschen, ihm durch sein Fell fahren und es fragen, warum es sich so benahm wie eine Kuh. Doch er war zu langsam, das Schaf öffnete einfach die Türe und fiel hinunter. Weil er so schnell aufgestanden war und über den Parkettboden schlitterte, konnte er nicht mehr abbremsen. Die Türe führte nicht auf den Flur, wie sonst, Tag für Tag für Tag für Tag. Nein, die Türe führte ins Nichts, welches nicht wie definiert nichts war sondern ein Tiefes Loch. Also fielen Schaf und Mensch, Meter für Meter. Seine Augen begannen sich langsam an die Dunkelheit zu gewöhnen, nahmen nun immer mehr Konturen war. Und plötzlich war das Loch nicht mehr dunkel. Er sah Wurzeln. Ok, das war nachvollziehbar. Sah Regenwürmer, auch logisch. Tiefes loch, Wesen aus der Tiefe. Doch dann kam die Zuckerwatte, die überall von den Wänden waberte und als der junge Mann sich in der ersten Nuss der feinen Schokolade verbiss, sah er wieder das Schaf. Es hatte eine Keule rohes Fleisch zwischen den Reiszähnen. Zerfleischte es regelrecht. Graues Fell sah man zwischen der weißen Wolle. Als er weiterfiel, griff er nach dem Fell des Schafes. Er riss dem Wolf den Schafspelz herunter. Desillusionierte das Wesen, das nicht wusste, dass Schafe nicht Muhten. Teuflisch grinste er, denn er wusste, dass er nun tot war. Entweder durch den Aufprall auf dem Boden,  der voller senkrecht stehender Gabeln war oder durch den Wolf. Wölfe waren doof... Gabeln waren auch nicht spitze, oder doch, ja sie waren spitze... in Fleisch, doch nicht in seinem. 
Der Mann wachte auf, öffnete die Augen und... starb durch die Hand des in schwarz gewandeten Mannes. Er stach ihm das Messer so tief in die Brust, dass er nicht viel davon spürte. Er starb nicht durch Gabeln und nicht durch die Zähne des garstigen Wolfes. Er hatte Glück gehabt. 

Samstag, 12. November 2016

One Night


Stell dir vor, es gefällt sehr
Musik zu singen, immer mehr. 
Immer wieder ein gutes Lied.
Ihr brüllt, krächzt und schreit, 
Habt Spaß so viel, 
niemand achtet tickende Zeit.

Doch dann plötzlich das Sein, 
so brutal, gefühlter fallender Stein.
Vergangenes tut weh, ach Erinnerung!
Im Rausch der Lieder,
Im Tausch der Stille.
Kopf Holz das Schild.
Weiß der Vergänglichkeit, 
weiß des pulsierenden
Schmerz, der bohrt im Innersten wie wild.

Lebe jetzt. Denn gestern war
wie morgen so fern.

Sonntag, 4. September 2016

Dein Stern

Dein Stern - eine Gutenachtgeschichte frei nach "Das kleine Gespenst"

Über unseren Köpfen sind ganz viele Sterne. Wenn es dunkel wird leuchten sie, nur für dich und zeigen dir den Weg. Den Weg nach Hause in dein warmes Bett. Und wenn du dich warm eingepackt hast und dich schön in deine Decke vergraben hast, dann schaut dein Stern, dass es dir gut. Jeder Mensch und jedes Tier hat da oben seinen eigenen Stern, der auf ihn aufpasst, für ihn leuchtet und so versucht all die schlechten Träume fernzuhalten. Auch du hast einen Stern, der auf dich aufpasst. Nacht für Nacht. Über den Tag schläft er, ruht sich aus. In dieser Zeit überlässt er all dies deiner Mama und deinem Papa, deinen Lehrern und allen anderen (diesen Satz bitte individuell anpassen!). Am Tag passen diese tollen Menschen auf dich auf.
Doch nachts, da ist der Stern nur für dich da.
Eines Nachts wollte dein Stern aber mehr erleben. Er kennt dich so gut, weiß wann du schlecht träumst, wann du glücklich bist und wann es dir schwer fällt einzuschlafen. Dann versucht er dir zu helfen, streicht dir mit seinem Leuchten sanft über das Gesicht bis du ruhig schlafen kannst. Der Stern wollte nun aber endlich Abenteuer erleben. Zusammen mit dir! 
Er malte sich aus, was du und die anderen Kinder tagsüber machen. Er stellte sich die tollsten Dinge vor, dachte über Fußball, Rittergeschichten und Bäume klettern nach. All dies konnte der Stern nachts natürlich nie beobachten, denn schlafende Kinder klettern natürlich nicht auf Bäumen herum. Tränen flossen über seine Wangen und auf dein Fenster tropfte leiser Regen. Nacht für Nacht versuchte der Stern länger aufzubleiben, den Sonnenaufgang mitzubekommen. Doch es gelang ihm nicht. Er wachte jedes Mal mit dem Sonnenuntergang auf und schlief ein, als diese ihre Arme um die Erde legte. Nacht für Nacht und Nacht für Nacht. 
Bis,... Ja bis es klappte. Der Stern verschlief plötzlich eine Nacht. An was das lag kann ich dir nicht sagen, doch der Stern wachte plötzlich mitten am Tag auf! Zuerst verstand er es nicht. Kein Stern war um ihn herum, nur... Ja, was war das? So hell... Die Sonne? Ja, das musste die Sonne sein!
Und nun wollte er Abenteuer erleben! Er blickte durch dein Zimmer. Doch er konnte dich nicht finden! Verzweifelt blickte er umher, suchte dich. Doch fand dich nicht.
Als er zur Sonne blickte rüttelte diese an seiner Schulter. Wach auf! 
Der Stirn rieb seine Augen. Um ihn herum leuchteten die anderen Sterne. Er hatte all das nur geträumt! Zum Glück!
Dein Stern blickt in dein Zimmer. Er lächelt. Er sieht dich deinen Teddy Bär fest an dich drücken. Glücklich streicht er über dein Gesicht. Auch du lächelst und kannst dir sicher sein, dass der Stern immer auf dich aufpassen wird!

Donnerstag, 1. September 2016

Blätterwirbel

Es gibt heute zu viele Menschen, die auf Versprechen hören, sich blenden lassen und zur hasserfüllten Marionette werden. Bevor ihr blind jemandem folgt informiert euch. Vergleicht, bildet Meinung. Der Sturz in die Realität ist nach dem Kreuz zu spät. Wenn euch erst hier klar wird, was noch alles hinter einer Partei steht, dann ist das zu spät.
Kleine Kinder dürfen sagen, dass sie das nicht wollten. Sie sollen von ihren Fehlern lernen. Von Erwachsenen erwarte ich aber mehr, viel mehr!



Jeder kennt die Augenblicke, in denen alles zu ruhig erscheint. In der die Zeit still steht und alles wie eingefroren zu sein scheint. 
Das merkwürdige ist, dass zuvor alles anders erschien und das Chaos offensichtlich war. Doch genau in diesem Moment ist alles wie auf dem Kopf, genau wie an jenem Tag dieses merkwürdigen Jahres. Dieses Jahr hatte viele denkwürdige Minuten, die genau so noch nie geschehen waren. Kleinigkeiten blieben bei vielen, doch die eigentlichen Dinge, die geschehen waren, wurden schnell vergessen. Negative Dinge werden zu Ankern in unserem Gedächtnis und schöne Augenblicke sind meist leicht wie eine Feder.
An diesem einen Tag, zu dieser zuvor erwähnten Zeit, folgte auf einen Schlag Totenstille. Der Schlag erschien für das Blatt des großen, uralten Baumes mächtig und als es von eben diesem getrennt wurde war ihm klar, dass alles anders sein würde und es machte sich mächtig Gedanken. Schnell wurde ihm klar, dass dies nicht wirklich sinnvoll war und es stürzte. Obwohl dies ziemlich aufregend und nervenaufreibend klingen mag, war es für das Blatt nun genau der Zustand, den wir Ruhe nennen. Der Moment war klein, eigentlich nicht erwähnenswert, denn erst jetzt fing das Abenteuer für dieses kleine Blatt an. Doch um diese Dramatik zu verstehen, müssen wir etwas in die Vergangenheit blicken. 
Im Herbst verlor der knorrige alte Baum wie jedes Jahr alle Blätter. "Warum" er das machen würde, könnte man sich durchaus fragen. "Darum" wäre wohl die Antwort des Baumes auf eine solch banale Frage. Würde man die Blätter fragen, würde man sicherlich viele Antworten bekommen. Ich habe sie auch schon sagen hören, dass sie nur so sicher gehen könnten, dass die Tiere und Menschen ihre bunten Farben besser sehen könnten. Deshalb würden sie sich freiwillig von den Ästen lösen und sich vor die Füße ihrer Bewunderer legen. Andere böse Stimmen behaupten, dass sich die Blätter und der Baum einmal im Jahr nicht mehr riechen könnten und der Baum sie deshalb abschütteln würde. Wie dem auch sei, im Winter hatte eben dieser Baum keine Blätter mehr und es schmückte ihn eine eiskalte Krone aus weißem, eiskalten Schnee unter dessen Last manche Äste zu knarren und ächzen begangen. Manche von ihnen waren von langen, Spitzen Eiszapfen behangen. Als die Zapfen langsam schmolzen und der weiße Mantel immer dünner wurde, spitzten die ersten Blätter hervor. Unser Blatt war eben eines dieser Blätter und als die ersten Sonnenstrahlen seine Nase kitzelten, genoss es diesen Moment. Mit dem Baum erlebte es leichte wie schwere Tage. Auf den Winter folgte kurze Zeit der Frühling und zu den wenigen Blättern gesellten sich immer mehr dazu. Sie plauderten untereinander, flüsterten mit dem Wind, der durch die Äste streichelte und hatten ihre Freude an den Vögeln, die über tolle Abenteuer zu erzählen wussten. Der Wind, der immer wieder zu Besuch war, hatte einige Male die Idee dem Blatt die Welt zu zeigen, doch noch gefiel es es ihm zu gut, die Versprechen des Windes wogen das Glück beim Baum zu sein nicht auf. Es beobachtete wie die Blüten am Morgen ganz langsam ihre Knospen öffneten und das jeden Tag aufs neue. Dann wusste es, dass die Tage immer weiter vergingen und das Blatt hatte seine Freude daran. Es genoss, wenn der Regen auf seinen Bauch trommelte und der Baum ihm später einige Schlucke zu trinken gab. Ach, es hatte doch ein schönes Leben!
Doch dann geschah es. Bis zu dem vierten des siebten, also schon im Sommer, hatte es den Versprechen der Winde widerstanden. Das hätte es auch an diesem Tag. Wieso sollte es diese wunderbare Lage aufgeben? Direkt neben dem Baum rauschte ein Flüsschen und wenn die Sonne zu stark auf den Baum schien, dann streckte dieser seine Wurzeln einfach ins kalte Nass, was für das kleine Blatt wie eine leckere Eiskugel schmeckte. Und wenn es doch einmal kalt wurde, dann warf der Baum seine Heizung an, die durch jeden Ast und jedes Blatt ging, dabei wäre das Blatt beinahe schon das ein oder andere Mal vor dem Herbst rot geworden. 
Und obwohl es nicht wollte, zerrte ein Sommersturm an ihm. Zerrte immer weiter. Zerrte immer fester. Versprechen wurden gemacht, die anfangs noch abprallten, doch mit ihrer Intensität sich irgendwann in den Kopf des Blattes setzten. Es wurde wie eine bittersüße Melodie. Das Blatt begann den Baum zu hassen. Jede Kleinigkeit wurde nun auf ihn geschoben. Andere Blätter versuchten ihm klarzumachen, dass der Wind nur ein Blender sei, der einen Moment der Unvernunft bei ihm ausgenutzt hätte um Ideen zu säen und es zu manipulieren. Doch das Blatt war sich nun klar, wer Gut und wer Böse war. Wer die Wahrheit sprach und wer log. Es konnte nicht mehr den Idealen des Baumes folgen und lies sich vom Wind wegtragen. 
Mit dem Wind flog es und wirbelte umher. Es fühlte sich wieder so wohl wie zu Anfang seines kurzen Lebens. Die Ideen des Windes trugen es. Doch plötzlich war die Luft wieder ruhig und es segelte widerwillig zu Boden. Hier lag es nun. Hoffte, dass der Wind seine vielen Versprechen hielt und das Blatt nicht vergessen wurde. Doch so geschah es. Es sah nun immer mehr Blätter, die auf dem Boden der Tatsachen gelandet waren. Faule Versprechen sind einfach zu geben und ein Versprechen ist zum brechen da.
Das Blatt war nun schon einige Zeit am Boden, die bunte Farbe war nur Schein und es war nun braun und trocken. Niemand half ihm, denn das Blatt und seine Sorgen waren nur Mittel zum Zweck.

Donnerstag, 4. August 2016

Der Löwe und was?

Basiert auf einer wahren Geschichte, die so oder anders stattgefunden hätte, wenn es doch nicht ganz anders gekommen wäre.


Ich schreibe nun eine Geschichte, weil ich eigentlich tot sein sollte. Doofer Beginn, wer will hier schon weiterlesen? Folgt nun etwas trübsinniges? Etwas lustiges oder etwas mit viel Krawall und wenig Sinn? Es ist die Ungewissheit, die dich weiterlesen lässt, nicht wahr? Ungewiss war für mich auch vieles, bis zu einer Wendung, die es in sich hatte.
Es begann alles mit einem dämlichen, einfach so dahingesagten Versprechen. 
„Wenn ich keinen Studienplatz bekomme, dann gehe ich nach Afrika.“
„Afrika? Wer will heute denn noch nach Afrika?“, sie blickte mich verständnislos an.
„Wenn mich keine Hochschule möchte, dann haben sie mich auch nicht verdient. Dann gehe ich nach Afrika und lasse mich von einem Löwen verspeisen.“
Sie blickte mich nüchtern an und boxte mich in die Seite. In diesem Moment war ihr nicht klar, wie ernst mir dieser saloppe Spruch doch war.

Als die Absage in meinen Briefkasten flog, da fühlte ich mich schon bevor ich ihn öffnete niedergeschlagen. Ich hatte alles auf eine Karte gesetzt. Als ich den Brief Aufriss und mir die schwarzen Buchstaben hämisch ins Gesicht grinsten, floss mir eine Träne über die Wange. Wie automatisch ging ich zu meinem Bett, auf die Knie und zog eine Tasche hervor. Sie war seit meinem Versprechen gepackt. Eine Reise, die keine Rückkehr erforderte und auch nur leichtes Gepäck. 
Last Minute Tickets nach Afrika waren leicht zu bekommen und so flog ich mit anderen Menschen auf einen Kontinent, den ich nur aus meinen alten Abenteuer Büchern kannte. Der dort immer nur als sehr romantisch beschrieben wurde. Den Kindern verschweigt man lieber politische Situationen und dicke Wasserbäuche.
Während des Fluges machte ich mir Gedanken, was das Ziel für die anderen Passagiere war. Wollten sie Abenteuer erleben? Hatten sie einen neuen Beruf? Oder wollten sie sich alle von einem Löwen auffressen lassen? Hoffnungslos genug sahen sie ja aus... 
Als das Flugzeug landete war ich beruhigt, ein Absturz oder eine Entführung hätte mir gerade noch gefehlt. Plötzlich musste ich grinsen.
Am Flughafen stieg ich in ein Taxi, das mich dort hin bringen sollte, wo noch wilde Löwen lebten. Ich redete mir ein, dass mein Löwe ein besonders wilder Löwe sein musste, kein gezähmter Safari Löwe, der die Menschen schon satt gesehen hatte.
Als wir auf der Steppe angekommen waren, warf mich der Taxi Fahrer aus dem Auto, ich hatte ihm schon all mein restliches Geld gegeben. Der Taxi Fahrer war ein netter Mann, der sich  nicht vorstellen konnte, was meine Pläne waren. Er wollte mir zuerst ausreden, auf die Jagd zu gehen. Ich musste ihm versichern, dass ich in keiner Tasche eine Schusswaffe bei mir trug. Er achtete das Gesetz der Natur, sah im Erhalt der Artenvielfalt Afrikas eine seiner Aufgaben. Diese erfüllte er darin Touristen einfache Benimmregeln zu lehren: 
„In der Natur brauchst du keine Waffe“ 
„In der Natur brauchst du kein Auto, also akzeptiere ihre Grenzen“
„Füttere keine Tiere, sonst werden sie faul“
Dass ich diese Regel verletzen wollte verschwieg ich einfach.

Ich lief Stunden nachdem er mich abgesetzt hatte suchend umher. Die Sonne war schon weit gewandert und war dabei untergehen zu wollen, als ich einen Löwen vor mir stehen sah. Wohlgemerkt ein männliches Exemplar, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer sein würde ihn zu motivieren mich zu fressen. Ich lief um ihn, winkte lautstark, legte mich vor ihn, er gähnte nur. Dann kam mir eine Idee. Ich will hier keine Werbung machen, doch Berta aus der Nachbarschaft macht die beste Grillsauce und die hatte ich noch vom letzten Grillazsflug in der Tasche. Ich öffnete sie und rieb mich ein. 
Plötzlich blickte der Löwe mich an, gierig. So musste man sich also fühlen, wenn man sich von blicken ausgezogen fühlt! Ich fühlte mich von Blicken gefressen. Ein wohliger Schauer lief mir über den Rücken, der erst damit endete, als ich sämtliche Zähne im Maul des Tieres zählen konnte.
Und er mich verschlang.

Mit Haut und Haaren. Sprichwörtlich. Durch die Peristaltik seiner Speiseröhre würde ich richtig Magen transportiert. Und da saß ich nun. Im Dunkeln. Wäre das Flugzeug dich abgestürzt! Wieder vergingen Stunden, langsam begann die Magensäure an meinen Zehen zu knabbern. Blödes Gefühl, ganz blöde!
Plötzlich knabberte etwas in meiner Hosentasche. Knabberte... Nein vibrierte! 
iPhone, du lebst? Nicht tot. Ich blickte auf das Display, welches das Abenteuer ebenfalls überlebt hatte, was ich als unglaublich befand. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass Displays kleinere Stürze nicht so einfach überleben. Aber das... Schicksal ist manchmal merkwürdig. Auf dem Display waren wenige Worte einer Email zu sehen. 
„ der Status ihrer Bewerbung hat sich verändert...“ 
Ungläubig saß ich im Magen des Ungetiers, des Königs Afrikas. 
Ich öffnete die Email, manövrierte mich mit ein paar Berührungen auf das Display weiter.

„sehr geehrter Herr... Freuen Ihnen mitteilen zu können... angenommen..“

Mist.

Moment.
Ich berührte die andere Hosentasche. Da war es.
Das unnötigste Utensil seiner Reise.
Wozu ein Schweizer Messer, wenn ich gefressen werden möchte, hatte ich mich gefragt, doch der Taxifahrer hatte mich angelächelt:
„Besser du schneidest Äste für Feuer, abbrechen ist nicht gut für Baum.“

Der Löwe schaute sehr verdutzt, als ich mich aus seinem Bauch geschnitten hatte. 

So, jetzt gehe ich also studieren, sitze aber ohne Geld in Afrika fest. Es gibt schlimmeres! Ich habe ja noch über einen Monat Zeit um mich zu beschäftigen.

 Ich studiere! Und zwar genau das was ich möchte, was mir Freude bereitet! Wer hätte das gedacht? 

Samstag, 30. Juli 2016

Der Kuss der Muse

Habe versucht mit Zeitsprüngen und verwirrten Geisteszuständen zu experimentieren. Ich würde gerne von euch wissen, ob es gelungen ist oder nicht. Mein Kopf sagt ja, aber ob man seinem Verstand immer glauben kann?


„Hallo, ich bin die Muse. Wenn ich dich streichle, dann beginnt es. Wenn ich dich küsse, dann fließt es. Worte drängen in deinen Kopf, tanzen umher und erschaffen eine eigene Welt. Wenn du den Kuss erwiderst, dich mir hingibst, dann kannst du der Welt ein Geschenk machen. Doch du sitzt nun hier und meinst ich hätte dich verlassen. Du siehst, du liegst falsch. Ich bin eine der schönsten Göttinnen, doch ich begebe mich zu dir. Zu deinem leeren Blatt Papier und deinem vollen Stift setze ich mich.“ 

Der alte Mann hatte in seinem Leben schon viel geschrieben, hatte Charaktere Leben eingehaucht und anderen eben dieses wieder genommen. Er hatte mit Gefühlen gespielt, Herzen gebrochen und die große Liebe gefunden. Er hatte Orte erschaffen, die bis dahin nur ihm offen lagen und nun der Platz für viele waren. 
Doch irgendwann hatte er das Gefühl alles erzählt zu haben, sich zu wiederholen. Er wollte sich neu erschaffen, wollte dass ihm erinnert würde. Wollte es sich und der Welt beweisen, dass er mehr konnte als das, was man auf der Toilette liest.
Das Dokument, das er an seinem Laptop geöffnet hatte, war bisher nichts wirklich greifbares, nichts. Einige Tage hatte er immer wieder angefangen, getippt um es im nächsten Moment wieder zu löschen. Es gefiel ihm nicht. Ein Gefühl der Leere, der unbegreifbaren Trauer überkam ihn. 
Er blickte die Muse an. Wunderschön, ihr Haar, das leicht lockig war, ihre Augen, die tief in seine Seele blickten, ihre Haut, so rein und doch nicht konturlos. Er wollte sich ihr hingeben, wollte alles. Die Muse lächelte ihn an, leichte Grübchen erschienen auf ihren Wangen, ihre Augen leuchteten. Langsam strich sie über seine Hand, über seinen Arm. Langsam, bis zu seinem Kopf, den sie nun mit beiden Händen festhielt. Als er sich ihr überließ ertönte der dumpfe Klang, wie eine Explosion. Er genoss es, harrte auch noch aus, als sie längst verschwunden war.
Und dann begann er zu schreiben. Es vergingen Stunden und Tage und er konnte nicht aufhören. In seinem Kopf tobte ein Farbenmeer, das wie aus vielen Eimern zusammengeschüttet aussah. Doch langsam begann es zu einem Bild zu verschwimmen Er brauchte keine Pause, nichts zu Essen, nichts zu trinken. Die Muse hatte ihm die Kraft gegeben. Seite um Seite schrieb er. Verwischte die Grundfarben zu einer Geschichte, die glänzte, schummerte, aber doch bedeutend  sein würde. 
Er schrieb immer weiter und weiter. Er musste nichts ein zweites Mal lesen, die Gewissheit war stark.  Es wurde tatsächlich etwas Neues, nichts banales. Mit der Banalität würde er ein für alle Mal abschließen. Sicher würden einige mit dem Bruch nicht klarkommen, würden das Buch enttäuscht zur Seite legen. Doch viele würden bemerken, was sie da in der Hand hielten. 
Das zufriedene Lächeln breitete sich zu aller erst in seinem Innersten aus, hatte schon längst den Klos in seinem Hals weggespült. 
Als er den letzten Satz beendete schlief er ein. Das Lächeln war nun nach Außen gedrungen, er strahlte wie schon lange nicht mehr. 
Die Muse holte ihn zu sich, strich noch einmal über sein Haar und zeigte ihm den Weg. Die Pistole, mit der er vor einigen Tagen die Stimmen aus seinem Kopf vertreiben wollte, lag neben seinem Schreibtisch. Sie war nun schon lange kalt.  Sein Werk flimmerte während dessen auf dem Bildschirm, wartend auf seine Entdeckung.

Die Stimmen hatten ihm vieles gegeben, die Geschichten eingeflüstert, die absurdesten Ideen möglich gemacht. Seine Erzählungen zeugten durch sie von der oft erwähnten Leichtigkeit. Leicht beschrieb er das Unmögliche, das Unerwartete und verblüffte so immer wieder auf das neue.  Doch die Welt draußen akzeptierte nur seine Werke, nicht ihn.
Als die Stimmen zu laut wurden veränderte er sich zusehends. Die Menschen begegneten ihm mit Verwunderung, darauf folgte meist Angst und Ablehnung.  Er konnte den Schmerz nicht länger ertragen. Sie sagten die Stimmen seien nicht echt, nur in seinem Kopf, es tat ihm weh. So musste sich ein Ausgestoßener fühlen. 
Immer öfter mied er es nach draußen zu gehen, wollte den Menschen, die ihn und sein Innerstes ablehnten nicht mehr begegnen.
Doch alleine mit seinen Gedanken begann er zu begreifen, dass die Stimmen in seinem Kopf nicht seine Freunde waren. Sie sagten ihm, dass es die beste Entscheidung war alle links liegen zu lassen. Doch als sie sagten, dass Marie ihn nie geliebt hatte und ihn deshalb im Stich ließ, schrie er. Schrie so laut er konnte. Er hatte Marie vergessen, seine Tochter, die ihn auch wegen der Stimmen verlassen hatte. 
Als seine Tochter ihn verließ und ihn komplett allein ließ, schafften es die zynischen Murmler, die Krächzer und die Schreier, dass er sie zuerst verteufelte und dann vergaß. Doch nun rissen sie diese Wunde auf, ließen ihn innerlich bluten.
Er begann sich nun zu wehren. Erst zaghaft und dann immer deutlicher. Schrie sie an zu gehen. Jedes Mal, wenn sie wieder meinten etwas sagen zu müssen. Doch sie gingen nicht. Er ignorierte sie, sagte ihnen, dass sie nicht echt seien. Doch sie hörten nicht. Sie hatten ihm so viel gegeben, seine Fantasie, seine Ausdruckskraft, dass sie mehr von ihm erwarteten. 
Doch er wollte ihnen nichts mehr geben, hatte begriffen, dass er durch sie viel mehr verloren hatte. Sein letzter Ausweg sah er in der Pistole.
Als er sie in die Hand nahm lies er sie lange durch die Finger gleiten. Sie war schön, leicht und doch so mächtig. 
„Nein!“, hallte es durch seinen Kopf, seinen Körper. Seine Hand führte die Waffe trotzdem an seine Schläfe. Plötzlich war Ruhe.
Die Stimmen bekamen Angst. Angst, dass es vorbei war, sie einfach ins Nichts verschwinden sollten. Sie gingen in den Untergrund, sein tiefstes Unterbewusstsein, dort wo er sie nicht hören konnte. Doch mit ihnen versteckte sich ein Teil von ihm, er verlor die Kraft zu schreiben. Es ging ihm nicht mehr gut.
Als die Stimmen dies mitbekamen witterten sie ihre Chance, kamen als Muse wieder. Doch der Mann begriff, die Stimmen würden niemals gehen. Er griff zur Waffe, die er für diesen Moment zur Seite gelegt hatte, schoss. Wenige Schüsse sind sofort tödlich, wer viel Pech hat lebt noch einige Tage, wer dabei Glück hat schreibt das Buch seinen Lebens. Doch ob man darin Glück sehen möchte ist eine andere Frage. Zumindest die Muse hatte kein Glück, als der Schuss ertönte wurde sie hinweggefegt. Während der Zeit, in der der Mann seine letzte Geschichte zu Papier brachte, hatte er keine Sinnestrübungen mehr. Keine auditiven oder visuellen Schatten seiner Persönlichkeit beeinflussten seinen Geist. 

Sein Strahlen war noch immer da, als Marie den Raum betrat. Sie hatte ihn nie verlassen, das Jugendamt hatte es damals so entschieden. Sie durfte sich nicht verabschieden, für ihren Vater war sie einfach verschwunden. 
Als sie ihn später, als erwachsene Frau, wieder gefunden hatte war sein Geist zerfressen, erkennen konnte er sie nicht mehr. Sie hatte ihm den Platz in der Klinik besorgt, sich um ihn gekümmert. Das Jugendamt hatte zwar Marie geholfen, doch ihr Vater wurde vergessen. Ohne Behandlung wurden die Phasen, in denen die Stimmen ihn beherrschten, immer länger, bis sie nicht mehr verschwanden. Dank Marie hatte er wieder schöne Tage, konnte atmen. Doch schreiben konnte er nichts mehr. In einem solchen Moment, in dem ihm seine Gedanken ihm gehörten schaffte er es den Pfleger, der ihm zuvor den Laptop zum schreiben gegeben hatte, dazu zu bewegen ihm die Waffe zu besorgen.
Als Marie ihn nun so sah lächelte sie. Lange saß sie an dem Bett, das die Klinik extra so schön hergerichtet hatte. Es war alles etwas kitschig, genau so wie sie die Geschichten ihres Vaters verstanden hatte. 

Montag, 25. Juli 2016

Der Junge im Spiegel

Ich ging an einem windigen Tag den Strand entlang. Mein Ziel war es Glückssteine zu finden, dabei lies ich meine Gedanken kreisen. Manchmal reicht ein kleiner Gedanke, um daraus etwas erschaffen zu können. Bis ich dann meinen Glückssteine gefunden hatte, entstand folgende Geschichte.

Der Junge im Spiegel

Der alte Mann blickte dem Jungen in sein Gesicht. Die Pickel in seinem Gesicht zeugten von wenig Erfahrung. Der Mann fragte sich, ob diese kurze Lebenszeit schön war oder ob der Junge es nicht erwarten konnte  alles hinter sich zu lassen. 
Doch während seine Gedanken in ihren Bahnen kreisten wurde sein Blick klarer. Es stand kein Junge vor ihm, er stand vor einem Spiegel und blickte in sein eigenes Gesicht. Die Pickel waren lange keine Pickel mehr, es waren Narben. Narben, die nicht von längst vergangenen Pubertät zeugten, sie stammten von seinem Vater. Sie waren Geschenk,  weil er nie das erreichen konnte, was von ihm erwartet wurde. Sein Vater war schon immer leicht zu erregen und wenn das geschah war man besser nicht in seiner Nähe. Doch manchmal konnte man dem Sturm  nicht entkommen. 
Zu seinem 14. Geburtstag bekam er seine erste Narbe geschenkt. Als sein brandneuer Football nach dem ersten Wurf seines Vaters gegen seinen Kopf klatschte, wurde sein Kopf noch fester gegen den nächsten Tisch geklatscht. 
Seine Kindheit erschien ihm immer grausamer, niemand war da ihm zu helfen. Seine Mutter hatte ihren Mann schon lange verlassen und ihn einfach allein bei ihm gelassen, dem Monster, wie sie ihn nannte. 
Dem alten Mann floss eine Träne über die rechte Wange, sie brannte auf seiner faltigen Haut und als sie seinen Mundwinkel erreicht,  schmeckte er das Salz. Salzige Erinnerungen, die jedes achso schöne weitere Erlebnis immer eine falsche Grundwürze verlieh. 
Von den Gefühlen wie gelähmt sank er in den Stuhl, den Kopf in seine Hände gestützt. Der Kopf wurde immer schwerer und die Tränen fanden nun immer mehr ihren Weg. Er sank weiter in den Stuhl, sah von außen aus wie ein leerer Kartoffelsack. Ein Häufchen Elend.
Dabei bemerkte er schon lange nicht mehr die zwei Personen im Raum. Hier war es eingerichtet wie ein stereotypes Krankenzimmer. Alles war in weiß gehalten, am Fenster stand ein Krankenbett. Direkt neben der Türe befand sich ein Waschbecken mit Spiegel, vor dem er nun saß, kauernd. Hinter ihm stand ein deutlich jüngerer Mann, sein Gesicht hatte Narben, kleine und große. 
Hätte der Vater ihn bemerkt wäre es ihm vielleicht wieder bewusst geworden, dass die Geschichten, die ihm gerade so viel Kummer bereiteten, nicht seine waren, sondern die seines  Sohnes. Dass er der Vater war, der manches Mal das falsche Maß angewendet hatte. 
Der Sohn war im regen Gespräch mit einer steril gekleideten Frau mittleren Alters. Sie hielt ein Klemmbrett in der linken Hand, mit der rechte Hand machte sie darauf Notizen, hakte Punkte ab und strich unnötiges durch. 
„Ihnen ist sicher bewusst, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist. In den letzten zwei Monaten verlief alles extrem schnell, eine Besserung ist leider nicht mehr in unserem Erwartungsspielraum. Wir gehen davon aus, dass echte lichte Momente nicht mehr oft seinen Verstand ordnen werden.“
Der junge Mann nickte langsam, schien abzuwägen, was er sagen sollte. Langsam atmete er tief ein und räusperte sich. Er blickte noch einmal zu seinem Vater, der heute nur noch ein Schatten von seinem früheren Ich war. 
„Wissen Sie, mein Vater war nie perfekt. Wenn er einen zu viel gegen den Durst getrunken hatte wurde er oft aggressiv. So hat er auch meine Mutter vertrieben, die eines Nachts Hals über Kopf abgehauen ist. Ich blieb bei ihm, wollte ihm helfen. Wir verstanden uns auch sehr gut und er war mir ein toller Vater. Jedoch war er betrunken wie rasend und so entstanden auch die“, er strich über die Narben, „ich habe aber trotzdem zu ihm gehalten, wenn er mit der Flasche in der Hand einschlief habe ich sie entsorgt. Es war nicht immer einfach, aber gemeinsam schafften wir, dass er immer seltener zur Flasche griff. Ich war sein Halt, sein Anker, der ihn immer wieder erdete. Schließlich war er trocken.“ 
Wieder schweifte sein Blick zu seinem Vater. In den letzten Jahren war ihre Beziehung wieder so intensiv geworden wie in seiner Kindheit und Jugend. Nur Alkohol spielte keine Rolle mehr. Grund dafür, dass sie sich plötzlich öfters als Weihnachten und Geburtstage zu sehen bekamen war ein sehr wirrer Anruf. Der Sohn, der sich deshalb große  Sorgen gemacht hatte, zog nach kurzem Überlegen wieder bei seinem Vater ein. Dieser musste nichts sagen, dass hier etwas absolut nicht so lief wie es laufen sollte war schnell klar. Es brauchte aber einige Zeit, bis der Vater sich dazu überwand dem Sohn von seiner Krankheit zu erzählen. 
Die Dame mit der sterilen Kleidung hörte betroffen der Geschichte zu. Trotz ihrer Professionalität, ihrer Distanz wirkte sie traurig.
„Ihr Leben war sicher nie einfach, aber wie kam es nun zu dem Entschluss ihres Vaters?“
„Als Vater mir von den Veränderungen seines Geistes, seines Denkens und seinem Verhalten erzählte machte mich das sehr traurig. Ja, er hatte schon früher Probleme, doch abseits davon war er der Mensch, der mir damals am wichtigsten war. Er hat mich zu dem gemacht was ich heute bin. Mit den guten Dingen die er mir vorgelebt hat lehrte er mir so viel Richtiges. Er zeigte mir was falsch und was richtig ist. Er unterstützte mich immer in meinem Drang mich dem Schreiben zu widmen. Hat mich immer gestärkt weiter zu machen und nicht aufzugeben. Mit den schlechten Dingen“, wieder strich er über seine Narben,“zeigte er mir wie es nicht geht. Hier war er mir zwar kein Vorbild, aber was sagt man.... Auch durch schlechte Vorbilder kann man gute Dinge lernen. 
Ich liebte ihn über alles, sowohl seine Kanten als auch seine sanfte Seite. Und als er mir dann sagte, dass er, wenn er sich noch weiter verändern würde und ein Weg zurück nicht möglich sei den Schlussstrich ziehen wollte akzeptierte ich dies. Er war immer der Lebemann, dem Bewegung und Natur so viel Kraft gab, deshalb verstand ich es, dass er niemals so enden wollte.“ Für einen kurzen Moment erwartete auch er den salzigen Geschmack von Tränen, doch er hatte sie in den letzten Monate alle aufgebraucht. „Gemeinsam setzten wir seinen Wunsch auf Papier. Zuvor war Sterbehilfe legalisiert worden und so hatte er die Sicherheit, dass seinem Wunsch nachgegangen wird. Ab hier genossen wir so weit wie möglich das Leben. Er hatte sich eine Liste mit Dingen angelegt, die er noch erleben wollte und wir schafften noch so einiges.“ Zum ersten Mal strahlte der Mann für kurze Zeit, bis er noch einmal kurz inne hielt. „Wir hatten das Ritual, dass er mir am Abend vor dem zu Bett gehen sagte, dass alles in Ordnung war. Er hatte den Wunsch, dass wenn er dieses Ritual brach wir zu Ihnen kommen. Das war nun vor vier Wochen. Wie geht es nun weiter? Sie wollen ihn doch nicht so seinem Schicksal überlassen?“
Wieder blickte die Frau verständnisvoll, aber professionell. Das Gesetz schrieb vor, dass Arzt und Patient sich diese vier Wochen Zeit nahmen sich kennen zu lernen. 
„Sie wissen, dass das Gesetz in Härtefällen greift. Niemand soll hier Hilfe bekommen, der nur aus einem Gefühl heraus diese Entscheidung getroffen hat. Ihr Vater wird hier also das bekommen, was er verlangt hat. Er hat es zu einem Zeitpunkt verlangt, in dem es ihm noch deutlich besser ging und normalerweise muss eine solche Entscheidung, die schon länger zurückliegt, noch einmal mit mir oder einem anderen Psychologen überdacht werden. In Gesprächen. Dies war mit ihrem Vater zu keinem Zeitpunkt mehr sinnvoll möglich. Sehe ich richtig, dass Sie sein letzter naher Verwandter sind?“
„Ja.“, der junge Mann wusste nun was kommen würde. Er war vorbereitet. Auch das hatten er und sein Vater von Anfang an besprochen. Würde die Krankheit sich so schnell in seinem Kopf ausbreiten, müsste der Sohn seinen letzten Willen noch einmal stellvertretend aussprechen. Er müsste für ihn das letzte Geschäft seines Lebens tätigen. 
„Gehen wir in mein Büro, ich habe dort die nötigen Papiere schon vorbereitet.“, die Frau setzte sich in Bewegung. Der junge Mann legte noch einmal seinem Vater die Hand auf die Schulter und dieser blickte ihn mit leerem Blick an. „Ich bin gleich zurück, Papa.“

Der Junge im Spiegel lächelte, er freute sich.

Im Büro erklärte die Dame die weiteren Schritte. Eigentlich waren es nur noch drei Unterschriften, ein Kreuz und sein Vater wäre frei. Frei von diesem Tunnel, der kein vorwärts kannte, sondern ihn immer wieder gnadenlos nach hinten schleuderte und ihm einen Blick auf die schlimmsten seiner Erinnerungen gewährte. Der Tunnel war grausam, er zeigte seinem Vater nie Erinnerungen, die schön waren, für Sohn und für Vater die Basis ihrer so engen Beziehung waren. Der Tunnel wollte ihm schmerzen, zeigte falsche Perspektiven, ließ ihn den Schmerz seines Sohnes fühlen. Noch grausamer wurde der Tunnel, wenn der Verstand doch die Fluchttüre fand, dann versuchte er wie ein riesiges Staubsaugerrohr den alten Mann wieder hinein zu ziehen. Und der Tunnel lernte dazu, konnte immer schneller reagieren, zog und sog am Verstand, so dass auch die klaren Momente in den letzten Tagen noch mehr Kraftreserven aufgebraucht hatten, bis der alte Mann die Fluchttüre verfluchte und sich ergab. Der Tunnel war sein Gefängnis geworden, das unaufhörlich gegen ihn arbeitete. 

Mit den drei Unterschriften und dem Kreuz an der richtigen Stelle löste der Sohn die Ketten seines Vaters. 
Die Frau in weiß ordnete die Blätter in einen kleinen Ordner ein, auf dem der Name des Alten stand. Sie legte ihn bei Seite und nahm das Telefon zur Hand.
„Ben? Ja,... Genau... Ja... Zimmer 4. Genau... Jetzt.“, sie legte das Gerät auf den Tisch und wandte sich wieder dem Mann zu. „Ein Pfleger wird ihrem Vater nun das Mittel verabreichen. Wenn Sie wollen können Sie ihn nun bei seinen letzten Schritten begleite.

Der alte Mann lag nun im Krankenbett. Der Sohn setzte sich zu ihm, nahm seine linke Hand und der Vater versuchte zuzudrücken. Der früher so starke Händedruck war nur noch ein Hauch von dem, was er einmal war. Früher schrie dieser Druck den Willen des Vaters heraus alles ändern zu wollen, besser zu werden. In manchen Momenten hatte den Sohn die pure Kraft eingeschüchtert, doch oft gab sie ihm im Gegenzug Gewissheit und Sicherheit.
Ein schwacher Händedruck kam einer Resignation gleich, die Last des Lebens hatte ihn in der Zielgerade eingeholt.
 Die Augen waren noch immer offen und es war Leben in sie zurückgekehrt. Sein Vater hatte ein letztes Mal die Kraft aufgebracht und die Fluchttüre noch ein letztes Mal weit aufgestoßen. Zwar war kein Feuer in ihnen zu sehen, doch er blickte ihn an und erwiderte noch einmal stärker den Händedruck.
„Mein Sohn ich liebe dich! Denk an unsere Besuche im Zoo, denk daran was wir dort entdeckt haben. Ich möchte dort, wo ich jetzt hingehe ein Buch darüber lesen. Du kannst so schön schreiben, ich freue mich darauf!“ Eine letzte Träne floss sein Gesicht herunter, als sein Sohn ihm zum letzten Mal auf die Stirn küsste.

Die Besuche im Zoo waren die schönsten Kindheitserinnerungen des jungen Mannes. Sein Vater war dort Wärter gewesen, kannte jede Ecke und jedes Tier. Für ihn waren es nicht nur Tiere, für ihn waren es Persönlichkeiten. Über jedes Tier konnte er Geschichten erzählen und zwar so lebendig, dass der Sohn sich niemals sicher war, ob sie der Wahrheit entsprachen oder Kinder der Phantasie seines Vaters waren. Hier war der Ort, an dem sein Vater wieder Kind sein konnte. Er erzählte Geschichten über den tatzigen Bären, der die Bienen gegen alle Gefahren beschützte und zum Dank immer etwas Honig abbekam. Er erzählte vom Adler, der die Freiheit genoss über die Wälder zu fliegen. Als der Adler jedoch einmal zu hoch geflogen war wurde es ihm zu kalt, seine Federn wurden steif und er stürzte in den höchsten Baum. Die Geister des Waldes retteten ihn, trugen ihn langsam zurück auf die Erde,  wo sie ihn warm mit ihrer Liebe ummantelten und lehrten ihn die Kunst der Bodenständigkeit.
Natürlich erzählte er ihm auch vom Wettrennen vom Hasen und Igel, das in einem regelrechten Festschmaus für den Fuchs endete, als der Hase tot zu Boden sank. Zuvor hatte der Fuchs Meister Lampe schon oft versucht zu fangen, bis er mit Meister und Frau Stachelig gemeinsam den Plan schmiedete den Hasen zu vernichten.
Die vielen Geschichten hatten ihn geprägt, auch die nötige Kraft gegeben seinem Vater die unschönen Situationen zu verzeihen und ihm immer zu helfe. Wie der Bär den Bienen, die ihn zwar manchmal stachen, doch in jeder Beziehung gibt es Geben und Nehmen. Höhen und Tiefen. Dank der Geschichten wollte er das Schreiben lernen und dank dem war er heute das was er war. Er sah niemals nur Menschen um sich herum, sondern ihre Geschichten, das was sie zu dem machten was sie waren. Und so drückte er nicht nur seinem Vater die Hand sondern seinem Freund, einem Mann, der zum großen Teil ein gutes Leben gehabt hatte und das er, der Sohn begleiten durfte und daran teilhaben durfte.

Der Junge aus dem Spiegel war nun frei und lachte unbekümmert. Glück.